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Jorge Enrique Medina, Medium

Aroma:Floralen Aromen nach Kaffeeblüte und Kaffeekirsche folgen in der Tasse Honignoten. Sehr süss. Mittlerer Körper.
Geröstet für:Siebträger, Vollautomat
Land:Kolumbien
Region:Departamento de Cauca, La Venta, Finca Pedreros
Anbauhöhe:1'860 m ü. M.
Kooperative:Jorge Enrique Medina
Art:Coffea Arabica
Varietäten:Bourbon Rosado
Qualität:Excelso
Aufbereitung:Voll gewaschen
Ernte:2020/21
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Jorge und die süssen Früchte

Kirche von Pedregal

Ende 2017 hat sich eine Begegnung ergeben, die sich nun vier Jahre später zu einer aussergewöhnlichen Geschichte und zu einer einmaligen Kaffee-Entdeckung entwickelt hat. Ich war damals mit Hansruedi wieder einmal im Süden Kolumbiens unterwegs zu den Kaffeebauern des Dezalé-Projekts:

Blick ins Rio Negro-Tal

Wir brechen mit seinem roten Chevrolet Jeep von Popayan ins Rio Negro-Tal auf, welches zur Tierradentro (Das Land im Innern) gehört. Hansruedi kennt diese Gegend schon lange. Bereits am 13. Februar 2013 hat er über diese in seinem Tagebuch folgendes notiert:

«Das Tierradentro war eine Indio Paéz Hochburg vor dem Einmarsch der Spanier im 16. Jahrhundert. Hier finden sich keine Grossfarmen, keine Grossgrundbesitzer. Die Täler sind wie geschaffen um nachhaltigen Ackerbau zu fördern. Dank der vulkanischen Erde, der gebirgigen Hochlage mit seinen Mikroklimas ist das Aroma des Inzà-Kaffee berühmt. Die Kaffeefarmen sind ein bis vier Hektaren gross, Höhenlage 1’650 bis 1’900 Meter. Die Regenzeit im tropischen Anden-Hochland ist Oktober bis Dezember und März bis Mai. Regenwassermenge 2500mm/Jahr, Lufttemperatur 22-26 Grad am Tag, 17 bis 20 Grad in der Nacht.»

In dieser unzugänglichen Region ist es für Reisende nicht immer einfach, eine Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Dank Hansruedis Ortskenntnisse und Beziehungen können wir aber beim Pfarrer der kleinen Ortschaft Pedregal übernachten, und zwar in seiner Kirche!

Zu meiner Überraschung entpuppt sich der unscheinbare Anbau als jahrhundertalter Bau im Kolonialstil, welcher einen nach oben offenen Innenhof und bescheidene, aber gepflegte Herbergenzimmer besitzt. Ich weiss nicht, ob es die Nähe zum Gotteshaus ausmacht, oder das Gute-Nacht-Bierchen vor der Kirche an diesem speziellen Ort, aber wir schlafen göttlich!

Blick in den Innenhof

Der neue Tag beginnt mit sehr gut hörbarem Kirchengeläut. Heute steht im Labor der lokalen Kaffeevereinigung Ascor-Café eine Verkostung auf dem Programm. Am frühen Morgen sind alle Sinne noch frisch – und so beginnen wir früh mit der ersten Cupping-Session des soeben frisch eingetroffenen Kaffees.

Es ist ein wahrer Genuss, nur schon diese Vielfalt an Aromen zu schmecken, aber auch das Zusammenspiel, das Aufspüren von feinsten Geschmacksrichtungen, welche mit einer aufwändigen Röstung noch besser hervorgebracht werden könnten… ich bin hochkonzentriert und voll in meinem Element.

Irgendwann gönne ich meinen Geschmacks-Nerven eine Pause. Ich gehe in den Vorraum und treffe Hansruedi und Jorge Enrique Medina an. Jorge, langjähriger Dezalé-Projektpartner, sitzt an einem Tisch, vor ihm liegt eine Handvoll frisch gepflückter Kaffeekirschen auf einem Küchenpapier. Die beiden diskutieren angeregt. Zuerst denke ich mir, dass es etwas mit dem Reifegrad zu tun haben könnte, denn die Kirschen sind eher hell.

Neugierig versuche ich, aus dem spanischen Stimmenwirrwarr herauszufinden, was es sich mit diesen Früchten auf sich hat. Plötzlich greift sich Hansruedi eine Kirsche und beisst hinein. Ich staune nicht schlecht, denn Kaffeekirschen schmecken überhaupt nicht gut, sie sind äusserst bitter und wirklich kein Genuss. Hansruedis beginnt zu kauen, dann zu lächeln und zu nicken. Die Kirsche sei unglaublich süss, so etwas hätte er noch nie erlebt, meint er zu mir.

Nun will ich es selber auch wissen und frage Jorge, ob ich denn auch eine probieren dürfe. Ich darf. So greife ich mir auch eine und probiere sie vorsichtig. Tatsächlich – Jorge hat es irgendwie geschafft, unglaublich süsse Kaffeekirschen zu produzieren!

Aber wie kam es dazu? Jorge erzählt, dass er beobachtete, wie die Vögel auf seiner Finca immer wieder nur die Kaffeekirschen eines ganz bestimmten Baumes auf seiner Parzelle stibitzten. Bei näherer Betrachtung stellte er fest, dass es sich um ein Baum mit der Varietät Bourbon Rosado handelte. Bei dieser Bourbon-Mutation, welcher seiner Süsse und floralen Aromanoten wegen bekannt wurde, werden die reifen Kaffeefrüchte nie richtig rot sondern höchstens dunkelrosa.

Diese seltsamen Vorgänge veranlassten Jorge die Samen dieses besonderen Baumes zu separieren und ein neues Lot an einer seiner höchsten Stelle seiner Farm anzubauen. Das Ergebnis dieses Lots liegt nun frisch vor uns auf dem Tisch, beziehungsweise in unseren Mündern – eine wahre Entdeckung!

Inzwischen sind vier Jahr wie im Flug vergangen. Die Erlebnisse von damals hatte ich schon fast vergessen, bis ich diesen Winter auf der Sackliste der aktuellen Verschiffung von der Dezalé-Ernte 2020/21 auf der zweiten Seite neben dem Bauernnamen plötzlich Hansruedis Zusatzvermerk, Bourbon Rosado, sehe.

Plötzlich fällt mir ein, dass da doch etwas war! Plötzlich sehe ich wieder das Foto vor mir mit Jorge und Hansruedi, mit der angebissenen rosaroten Kaffeekirsche in der Hand. Aufgeregt suche ich die Fotos, recherchiere wie verrückt, telefoniere mit Hansruedi und bekomme Whatsapp-Nachrichten von Jorge, welcher bestätigt, dass die verpflanzten Samen in den letzten vier Jahren zu tragfähigen Bäumchen herangewachsen sind, welche als Haupternte Ende 2020 zum ersten Mal geerntet werden konnten!

Nun liegen zwei Sack à 35 Kilo, zusätzlich geschützt im GrainPro-Bag, in unserer Spezialitätenrösterei. Welch eine Freude! Was für ein Glück! Als ich das erste Muster nahm und verkostete, war ich ein Augenblick dem Himmel nah…